Gott ist mittendrin

Gedanken von Pfarrerin Ruth-Elisabeth Schlemmer zum Titelbild des neuen Gemeindebriefes (1/2021)

Foto: Altrarraum der Andreasgemeinde in der Weihnachtszeit 2020/21 (c) Anke Stahl

Weihnachten und Passion – Gott ist mittendrin

Gerade noch lag Jesus als Neugeborenes in der Krippe, da kommt schon die Passionszeit mit den Geschichten, die für Jesus am Kreuz enden. Weihnachten und Passion liegen nahe beieinander: Gott – im Kind und als leidender Gerechter, mitten im Menschenleben, das macht unseren christlichen Glauben aus.

„Der Glaube, dass Gott im Kommen ist – nicht großmächtig vom Himmel und nicht sich durchsetzend auf der Erde, sondern in jeder Situation, die etwas anderes als das Gewohnte, etwas Neues oder Fremdes und gerade deshalb Herausforderndes bereithält.“*

Christiane Bundschuh-Schramm in Publik-Forum 13/2020

Gott im Kommen, Gott im Leben mittendrin. Gott da, wo geboren wird und da, wo gelitten und gestorben wird. Nicht nur im Glauben fangen wir an zu zweifeln, dass uns eine Draufsicht auf die Dinge, zusammenfassend, analysierend nicht immer hilft. Wer einen lieben Menschen loslassen muss, hört und sieht anders.

Kleine Gesten werden für Trauernde zu großen Hilfen. Menschen, die dableiben, geben Kraft. Momente starker gemeinsamer Empfindungen werden erlebt. Und im Nachhinein leuchtet vielleicht etwas auf, für das wir uns trauen, GOTT- „das stärkste Wort, das wir haben“*, in den Mund nehmen.

Mitten im Leiden stehe ich nicht drüber. Ich bin froh, die nächste Nacht oder den kommenden Tag zu erleben. So etwas muss Jesus in den Augen seiner Gegenüber gesehen haben. Sie kamen zu ihm. Er hat mitgelitten, im Augenblick, ohne Weitblick oder Draufsicht, ohne Heilswissen oder Heiligenschein. Jetzt sehen. Jetzt mit allen Fasern des eigenen Körpers die andere mit Herzaugen sehen. Und ich stelle mir vor, wie die Blutende oder der Gelähmte in diesem Augen-Blick Gott im Spiegel Jesu gesehen und in seinen Händen gespürt haben.

Jesus war nicht allmächtig. Er hat nicht das Leid aller lindern können. Er war mittendrin. Es hat ihn zornig und mutig gemacht. Und dafür ist er getötet worden. Kein Plan im Hintergrund, keine All- oder Übermacht, sondern das Mittendrin Jesu hat Menschen heil an Leib und Seele gemacht. Gott komm, Gott im Leben mittendrin. Gott da, wo geboren wird und da, wo gelitten und gestorben wird.

Nachfolge

So auch wir, sagen wir und meinen, dem Menschen Jesus nachfolgen. Da, wo wir leben und Verantwortung tragen, da hinein möchte ich Gott erwarten. So leben, dass Gott hinkommen kann in unser Handeln. Wenn ich Gott mitten hineinkommend erwarte, ändert sich schon etwas, mittendrin.

Wir ahnen es immer stärker. Es gibt kein Rezept, die Klimakrise oder den Coronavirus von oben wegzuschaffen. Das macht uns zornig und mutig. Verschwörungstheorien setzen an die Stelle Gottes das Böse, andere Mächte oder einzelne Menschen. Sie bleiben bei ihrem Blick von oben, den wir Menschen so gernhätten, dass Eine schuld ist oder Einer es machen kann.

Wer Krisen erlebt hat, weiß, dass sie im Moment und Schritt für Schritt durchlebt werden können. Nicht mit einem Schlag ist alles gut. Es geht darum, weiterzugehen, hindurchzugehen. Das zu tun, was getan werden muss. Ich denke an die Pflegenden in ihren 12-Stunden-Schichten im Pflegeheim oder an die Bestatterin auf dem Friedhof, die Angehörige wegschicken muss, weil sie über der erlaubten Teilnehmerzahl liegen, den Lehrer, der sich neue Zugänge zu seinen Schülern ausdenkt, der Mann, der ein Impfzentrum aufbauen soll und vermittelt zwischen jenen Ungeduldigen, welchen es nicht schnell genug geht und denen, die es voller Bedenken ablehnen. Ich denke an Frauen und Männer, die riesige Informationsberge über das Wirken des Virus auswerten. Und dann all die anderen, die für normale Tagesabläufe sorgen.

– Hier in unser schwieriges Leben – möchte ich Gott hineinerwarten.

„Glauben heißt dann, mit Gott als Möglichkeit zu rechnen, die auch in einer schwierigen Situation Spielräume eröffnet.“*

Christiane Bundschuh-Schramm in Publik-Forum 13/2020

Warum wir uns einmischen müssen

Weil wir doch mit Gott mittendrin etwas zu hoffen haben!
Und weil es um die Schwächsten geht!
Es geht um die, die am Anfang und am Ende eines Lebens stehen. Neues muss umsorgt, behütet und gepflegt werden, wie ein Neugeborenes, darum die Krippe. Hier ist Gott in den Versuchen und kleinen Anfängen neu zu denken, wenn es um das Leben und Wirtschaften in der Welt geht. Sehen wir eine Zeit vor und eine Zeit nach Corona. Fangen wir neu an „wir zusammen mit allen“ zu denken.

In den Kirchen muten wir uns neben einem ärmlichen Kind in einer Futterkrippe auch den gequälten Gekreuzigten zu. Weil er unsere Herzaugen öffnet. Solange Menschen unter Gewalt und Unrecht leiden, werden wir keinen Frieden finden. Unsere Parlamente müssen aufhören Waffenlieferungen zu genehmigen. Wir brauchen Recht und Gerechtigkeit in allen Entscheidungen. Niemals dürfen wir Worten ein Schlupfloch bieten, die sagen, „warum die Alten impfen, die sterben ja sowieso.“ Dieses Denken gegeneinander wird uns zusammen ins Verderben stürzen.

Heilmachen wird uns der Gedanke, dass wir alle Anfängerinnen sind, Menschen, die suchen, ausprobieren und aushandeln, Fehler machen und sie einander nicht vorwerfen, sondern daraus lernen. Und heilmachen wird uns der Gedanke, dass wir alle verletzlich sind, als Kinder, im Altwerden, im Kranksein und im Sterben. Vertrauen wird uns heilen. Vertrauen, dass sich Gott ereignet. Gott passiert ganz ungeplant mitten in unserem Bemühen und gerade dann, wenn Menschen ihre eigenen Ängste oder Schwächen zulassen. Krippe- und Kreuzgeschichten holen wir uns in unsere Zeit. Wir rechnen mit Gottes Möglichkeiten. 

Pfarrerin Ruth-Elisabeth Schlemmer

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