Lichtblicke

Ein Text zum Umgang mit der aktuellen Situation
Eingesandt von Mirijam Habel

Vor einem Jahr war alles noch weit, weit weg, irgendwo auf der anderen Seite der Erdkugel, auf jeden Fall entfernt von uns. Es hat uns nicht betroffen. Doch treffen sollte es uns alle. Erste Fälle von Infizierten – besorgte Nachrichtensprecher, Medienvertreter – Sorgen, Ängste kamen auf: Werden auch wir nicht davon verschont bleiben? Zunehmende Beschäftigung mit dem Thema. Zur Sicherheit mal einen hohen Schal vor Mund und Nase getragen und Handschuhe mitten im Frühjahr und Sommer, egal was die Leute denken, Hauptsache sicher. Denn die Situation, die Gefahr ist nicht recht einzuschätzen. Dann tagtäglich diese Bilder aus Italien. So viele Tote an einem Tag. Massenhaft Särge in Turnhallen aufgebahrt.

Sie fühlt das Leid der Menschen. Es herrscht niedergeschlagene Stimmung und bedrückende Gefühle steigen in ihr auf.  Vor ihrem Fenster hustende Leute und Krankenwagen, die auf- und abfahren. Sie fühlt sich nun auch selbst in ihrer Existenz bedroht und ermahnt sich, ruhig, gefasst zu bleiben und auf Gott zu vertrauen. Er wird auf mich aufpassen, sagt sie sich selbst. Und sollte ich daran erkranken, auch dann ist er bei mir und hat etwas vor mit mir, so denkt sie sich. Womöglich möchte er mich auf die Probe stellen, mich stärken für etwas, was mir noch bevorsteht, oder mir einfach nur etwas mehr Ehrfurcht vor dem Leben einflößen, damit ich es wieder mehr zu schätzen weiß und meine Mitmenschen darin. Es stimmt sie nachdenklich und etwas tief in ihr drin sagt ihr: Du solltest noch bewusster leben, dankbarer sein für jeden Tag und achtsam im Umgang mit dir selbst und anderen. –

Schließlich der Lockdown. Gut so, denkt sie sich, das ist vernünftig. Wir sollen alle zu Hause, in Sicherheit bleiben, wenn auch der Wirtschaft, dem Betriebsleben nicht ganz zuträglich. Alles klagt über Isolation, fehlende Kontakte, Quarantäne. Sie jedoch genießt es, das Zuhausesein, diese vier Wände, dieses Dach über dem Kopf, das sie vor der Witterung schützt und die Stille darin. Endlich hat sie ein wenig Abstand vom Alltag, dem Berufsleben und somit Zeit für Dinge, die ihr wichtig sind. Zeit zum Schreiben, Lesen, Malen, aber auch zum Aufräumen, Ordnen, Sortieren und Ordnungschaffen im Leben.


So vieles ist in den letzten Jahren aus Unverschulden, Ungerechtigkeit, der Verzweiflung darüber, der Angst und Unbeholfenheit oder ähnlichem aus dem Ruder geraten, schiefgelaufen. Sie erkennt es und besinnt sich auf das, was ihr wirklich wichtig ist im Leben. Sie denkt darüber nach, wie es ihr gelingen kann, alles zum Guten zu wenden. Und sie erkennt die Kostbarkeit eines jeden Augenblicks. Wie wertvoll ist es doch, einander Gutes zu tun und jeden Tag zu nutzen, anstatt in Trübsal und Traurigkeit zu versinken. Sie atmet endlich auf, und mit ihr die Natur. Denn draußen ist Ruhe eingekehrt, nur durchbrochen vom quirligen Leben der Nachbarskinder. Sie lächelt sanft in sich hinein und ein Marienkäfer gesellt sich zu ihr, klettert ihr auf das Papier, während sie schreibt. Vom Fenster aus scheint die Sonne hinein und wärmt sie mit ihren wohltuenden Strahlen. Ich bin doch nicht ganz allein, nie wirklich allein. Da ist immer etwas, das mich umgibt, denkt sie sich, so ganz in ihrer Stille.

Wie so viele, hat bald auch sie sich ein Homeoffice eingerichtet, und sie merkt, es geht mit Selbstdisziplin gut voran. Sie arbeitet konzentriert, ohne Ablenkung. Sie fühlt sich wohl in den vertrauten Gefilden, statt fremden Räumlichkeiten.

Und sie beginnt auch wieder zu träumen. Sie erkennt ihren inneren Reichtum und was sich Schönes daraus machen lässt. Doch dann klopft es unsanft an ihre Haustür. Die Nachbarin, eine über achtzig Jahre alte Frau, verwitwet, ohne Kinder, ohne jeglichen Anhang, bittet sie für sie einkaufen zu gehen. Sie merkt plötzlich, dass sie gebraucht wird und wie wichtig es ist, unter Menschen zu sein. Der Mensch braucht doch den Menschen. Sie willigt ein und fühlt die Dankbarkeit der alten Dame.

Füreinander da zu sein, einander zu helfen, sich zuzuhören, zu unterstützen, das ist doch wichtig, denkt sie nun und freut sich, jemandem ein Segen gewesen zu sein, selbst wenn sie sich nicht gerade gerne in den Trubel des Kaufhauses begibt. Doch dabei stellt sie fest: Ein Wort, ein Gruß, ein Lächeln kann so wertvoll, so herzerwärmend sein. Auch wenn es keine Geselligkeit, keine großen Geburtstags-, Hochzeits-, Weihnachtsfeiern momentan mehr gibt und so vieles, wo Menschen sich versammeln, nicht mehr möglich ist, gibt es doch immer etwas, das erfreut. Manchmal ist weniger einfach mehr, wie das gemütliche Flanieren durch festlich beleuchtete Innenstädte statt Trubel und Gehetze, wenngleich das Gewusel der Weihnachtsmärkte und Bekannte zu treffen einfach fehlt. Doch allein die weihnachtlich geschmückten Schaufenster der Läden, die Kerzen, die Lichter, der Tannenbaum, all das lud zum Innehalten und sich zu freuen ein. Eine jede Zeit hat doch auch etwas Positives, das man ihr entnehmen kann. Wir lernen wertzuschätzen, was uns selbstverständlich schien, und uns an kleinen Dingen zu erfreuen. Werte, die verlorengegangen schienen, werden wieder entdeckt. Geduldig und besonnen, dankbar dürfen wir sein.

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