„Und damit, dass ich die Maske trage, bin ich schon barmherzig“

Email-Interview mit Laura Fe Massenberg, Studentin an der Universität Erfurt über die Weihnachtszeit und ihr Studium in dieser Ausnahmesituation

Katharina Waldner: Hallo Frau Massenberg, ich kenne Sie als Studentin der Religionswissenschaft und als Mitglied der Evangelischen Hochschulgemeinde (ESG) – Könnten Sie kurz schildern, wie das zusammenpasst und wie Sie zu Ihrer Studienfach-Wahl gekommen sind? Was studieren Sie als Nebenfach?

Laura Fe Massenberg: Hallo Frau Waldner, ja genau, ich studiere Religionswissenschaft im Hauptfach und Germanistik im Nebenfach. Für mich war bereits in der Schule klar, dass ich unbedingt etwas mit Religion machen möchte. Religionslehrerin wollte ich nicht werden und auch ein Theologiestudium hat mich nicht überzeugt, auch wenn mir beides von Freunden und der Familie nahegelegt wurde. Ich interessiere mich schon lange für andere Religionen und finde es super spannend herauszuarbeiten, wo Unterschiede und Gemeinsamkeiten liegen, wie Religionen entstehen und sich entwickeln.

Letztendlich habe ich die Entscheidung für mein Studienfach in Namibia getroffen, auch wenn die Idee vorher schon da war. Ich fand und finde es faszinierend, dass wir eigentlich das Gleiche glauben, es aber trotzdem so unterschiedlich und verschieden sein kann. Woran liegt das? Wieso spielt der Glaube im Alltag in Namibia eine so viel größere Rolle als bei uns in Deutschland?

Nach dem Abi habe ich dort einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst gemacht und in einer Gastfamilie gelebt. Meine Gastfamilie war ebenfalls evangelisch, aber der Glaube wurde ganz anders gelebt als ich es von zu Hause gewohnt war. Die Gottesdienste waren deutlich länger als in Deutschland und die Kirche war so gut wie immer voll. Aber ganz besonders ist mir aufgefallen, dass der Glaube im Alltag viel präsenter ist. Vor dem Essen und bevor man irgendwohin gefahren ist, wurde gebetet und auch in der Schule und dem Kinder- und Jugendzentrum, in dem ich gearbeitet habe, hat der Glaube immer wieder eine Rolle gespielt.

Erfahrungen und Erlebnisse dort haben mich dazu bewogen, Religionswissenschaft zu studieren und das lateinische Christentum als Schwerpunkt zu wählen. Nicht nur, dass ich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten an unterschiedlichen Orten spannend finde, ich finde es auch spannend, meinen Glauben aus wissenschaftlicher Sicht zu betrachten. Wie hat sich der christliche Glaube entwickelt und im Laufe der Zeit verändert, wo liegen die Ursprünge in dem, was ich heute glaube?

Und das ist auch der Punkt, in dem, meiner Meinung nach, Glaube und Studium wunderbar zusammenpassen. Das eine schließt das andere nicht aus, ganz im Gegenteil: dadurch, dass ich mich im Studium mit den Hintergründen meines eigenen Glaubens beschäftige und diesen aus einer anderen Sichtweise betrachte, beschäftige ich mich gleichzeitig auch auf eine neue und andere Art mit mir selber und meinem Glauben.

Die Wahl auf mein Nebenfach Germanistik fiel da deutlich schneller und braucht keine langen Erläuterungen: Ich brauchte ein Nebenfach, Germanistik macht mir Spaß und fällt mir leicht.

K.W. Denken Sie, dass Religion hilft, in der aktuellen schwierigen Situation zurecht zu kommen?

L.F.M.: Mir persönlich hilft mein Glaube und der Zusammenhalt in der Hochschulgemeinde (ESG) auf jeden Fall in dieser Situation. Es gibt Kraft und macht Mut, dass ich nicht alleine bin und da immer Leute sind, die mich unterstützen, mit denen ich reden kann und denen es genauso geht wie mir. Ich denke, dass es einerseits vielen Menschen ähnlich geht. Religion und der Glaube an etwas kann helfen. Andererseits kann ich mir aber auch vorstellen, dass gerade durch diese schwierige Zeit Menschen den Glauben an ihre Religion verlieren, sich alleingelassen fühlen und keine Unterstützung mehr in der Religion finden.

K.W.: Wie waren für Sie Advent und Weihnachten dieses Jahr? Was war mit Corona anders als sonst?

L.F.M.: Seltsam, anders und ungewohnt. Damit lässt sich besonders mein Weihnachten gut beschreiben. Den Advent fand ich nicht so sehr anders, wenn man mal von den Corona-Maßnahmen absieht. Ich war in der Kirche, hatte ausnahmsweise alle Geschenke rechtzeitig besorgt und in der Woche vor Weihnachten drei Weihnachtsfeiern, auch wenn alle online stattgefunden haben. Und mein persönliches Highlight: mein Paket an meine Gastschwester nach Namibia ist dieses Jahr angekommen und das noch vor Weihnachten!

Weihnachten hingegen war dann doch ungewohnt und fühlte sich erstmal nicht nach Weihnachten an. Eine Woche vor Weihnachten wurden in meiner Heimat alle Gottesdienste bis zum 10. 1. abgesagt und damit stand fest, dass wir nicht in die Kirche gehen können. Letztendlich war es dann aber doch ganz schön und im Gegensatz zu sonst sehr entspannt. Während ich in anderen Jahren bereits gegen 13 Uhr aus dem Haus musste, um mit meinem Chor in der Kirche zu singen, konnten wir dieses Jahr alle Vorbereitungen ganz in Ruhe treffen. Wir haben dann online einen Weihnachtsgottesdienst geguckt, aber es war einfach nicht das gleiche, vermutlich haben wir auch nicht die beste Gottesdienst-Wahl getroffen, Auswahl gab es ja reichlich. Vor der Bescherung haben wir „O du fröhliche“ gesungen, ich habe das Lied am Klavier begleitet.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag treffen wir uns normalerweise mit der Familie meiner Mutter, meinen Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins. Es war uns bereits Ende November klar, dass das dieses Jahr nicht so sein wird. Stattdessen haben wir Wichtelgeschenke per Post verschickt und dann alle gemeinsam, beziehungsweise nacheinander, bei einem Zoom-Meeting ausgepackt. Das war etwas anstrengend und sicherlich kein Ersatz, aber besser als sich gar nicht zu sehen.

Rückblickend kann ich auf jeden Fall sagen, dass Weihnachten nicht so war wie sonst, aber letztendlich hat Weihnachten ja trotzdem stattgefunden und wir haben das Beste aus der Situation gemacht.

K.W. Wie gefällt Ihnen die aktuelle Jahreslosung und was bedeutet sie für Sie?

L.F.M.: Ehrlich gesagt habe ich mir noch nicht viele Gedanken zu der aktuellen Jahreslosung gemacht. Aber wenn ich sie jetzt lese und darüber nachdenke, würde ich sagen, dass sie unglaublich gut zu diesem Jahr und zu der aktuellen Situation passt.

Barmherzig sein und Barmherzigkeit bedeutet für mich, dass man achtsam miteinander ist, aufeinander aufpasst und an andere denkt. Dass man ein Herz hat und in der Not eben nicht nur an sich denkt. Auch wenn die Jahreslosung vor ein paar Jahren festgelegt wurde, sind das alles Dinge, die wir gerade jetzt, in dieser schwierigen Zeit berücksichtigen und beachten sollten.

Um barmherzig zu sein, muss ich mich nicht sofort auf die ganze Welt konzentrieren, auf Amerika, Griechenland und Bosnien oder Südafrika. Es fängt bei den kleinen Dingen hier bei uns an. Wenn ich in die Stadt und zum Einkaufen gehe, trage ich eine Maske. Nicht nur weil es Pflicht ist. Die Maske, oder wie es eigentlich heißen müsste, die Mund-Nasen-Bedeckung, schützt nicht mich, sondern meine Mitmenschen. Und damit, dass ich diese Maske trage, bin ich schon barmherzig. Ich denke nicht an mich, sondern daran, dass ich niemanden anstecke.

K.W.Menschen in Ihrer Altersgruppe treten besonders häufig aus der Kirche aus und sind oft auch weniger aktiv in Gemeinden. Was ist Ihre Erfahrung mit diesem Thema?

L.F.M.: Die Erfahrung, dass viele junge Erwachsene keiner Kirche angehörig sind oder es sind, sich aber nicht dafür interessieren, habe ich schon oft gemacht. Ihrer Aussage muss ich also leider zustimmen. Viele meiner Freunde und Bekannten haben nichts oder nur sehr wenig mit Kirche und Glauben zu tun. Gleichzeitig stelle ich aber auch immer wieder erstaunt fest, dass ich doch relativ viele Leute kenne, die ähnlich denken wie ich. Das ist aber leider die Minderheit. Abgesehen von den Mitgliedern der ESG hier in Erfurt, kenne ich viele junge Erwachsene, die irgendwie in einer Kirche aktiv sind über das Netzwerk der Vereinten Evangelischen Mission (die Organisation, mit der ich in Namibia war). Diese Leute sind aber über ganz Deutschland verstreut.

Auch wenn viele dieser Personen studieren, machen die Studierenden, die in der evangelischen Kirche aktiv sind und zum Beispiel in eine ESG gehen, doch die Minderheit aus. Meiner Meinung nach wird die Entscheidung, ob man weiterhin einer Kirche angehört und sich mit dem Thema Glauben beschäftigt, allerdings viel eher getroffen: Nach der Konfirmation, oder zumindest während man noch zur Schule geht. Im Studium ist diese Entscheidung bereits gefällt. Das mag zum einen daran liegen, dass auch die Eltern oft nicht in die Kirche gehen und zum anderen, dass Kirche und Gottesdienst für junge Leute oft wenig attraktiv erscheinen. Dabei können Kirche und Glaube so viel mehr sein als nur zum Gottesdienst zu gehen.

K.W. Ich bedanke mich herzlich dafür, dass Sie sich Zeit genommen haben, auf meine Fragen zu antworten!

%d Bloggern gefällt das: