18. Dezember – Andreaskirche

Foto: Marion Eich-Born

Eine erste urkundliche Erwähnung der Andreaskirche geht auf das Jahr 1182 zurück. 1399 wird das Benediktinerinnenkloster vom Cyriaksberg auf den Petersberg unmittelbar gegenüber der Westseite der Andreaskirche, also jenseits der Andreasstraße, verlagert und die Kirche selbst dem Kloster zugeordnet. Sie blieb bis 1687 unter diesem Patronat.

1482 wurde der Neubau des Benediktinerinnenklosters von dort über einen Schwippbogen unmittelbar mit der Andreaskirche verbunden, die Westseite des Gotteshauses durchbrochen. Der Verkehr zum Andreastor konnte durch den Schwippbogen hindurch aufrechterhalten bleiben. Der Eingang zur Kirche wurde von der Westwand auf die Südseite verlagert. Die Südwestansicht nach einer Zeichnung von Kruspe um 1850 zeigt die Spuren dieser baulichen Veränderung. Ein Blick auf unseren Stadtplan weist sogar die überbaute Andreasstraße für 1678 auf.

Quelle: Andreaskirche um 1850, Zeichnung von Kruspe. Aus: Haetge, Ernst: Die Stadt Erfurt Bd. 2, Teil 1. Burg 1931

1522 wird die Andreaskirche evangelisch. 1689 kam es mit dem Bau der Zitadelle zum Abriss des Benediktinerinnenklosters. In der Folge wurde der straßenüberquerende Schwippbogen abgerissen und die Westöffnung der Kirche wieder verschlossen. Damit in Verbindung entstand ein neuer Hochaltar, ein Kanzelaltar. Auf der rechten Seite neben dem Kanzelaltar ist das Holzmodell von Luthers Grabplatte über dem Eingang zur Sakristei angebracht.

Unter den Pfarrergenerationen, die Dienst in der Andreaskirche verrichtet haben, ragt ein Name besonders heraus:  1772 wurde Christian Gotthilf Salzmann in dieser Gemeinde tätig. Er rief eine für die damalige Zeit revolutionäre Pädagogik ins Leben: aus der Perspektive des Kindes.  Neben zahlreichen baulichen Veränderungen seit seiner Amtsperiode, kam es 1868 zu Ausbesserungen der Kirche von innen. So ist die Kirche auch bis heute erhalten.

Ein besonderer Schatz neben dem Grabplattenmodell ist auf der Empore zu sehen. Der Text eines Kirchenliedes aus dem Jahr 1632 zieht sich über die gesamte untere Empore in goldenen Lettern. Verfasst wurde er vom Hof- und Feldprediger Gustav Adolf von Schweden, Jacob Frabricius. Der Text spiegelt seinen Eindruck von den Schlachten des evangelischen Königs aus dem Norden gegen die kaiserlich-katholischen Habsburger Truppen wider. Ein Jahr zuvor hatte der schwedische König die Stadt Erfurt für sich eingenommen und war von der Bevölkerung auf dem Weg vom Andreastor an der Andreaskirche vorbei zum Domplatz jubelnd empfangen worden. Hier der Text des Liedes:

„Verzage nicht du Häuflein klein, obwohl die Feinde willens sein, dich gänzlich zu verstören, und suchen deinen Untergang, davon dir wird recht angst und bang: es wird nicht lange währen. Tröste dich nur, daß deine Sach ist Gottes, dem befiehl die Rach und laß es ihn nur walten. Er wird durch einen Gideon, den er wohl weiß, dir helfen schon, dich und sein Wort erhalten. So wahr Gott ist und sein Wort, muß Welt, Teufel und Höllenpfort und was dem tut anhangen, endlich werden zu Schand und Spott. Gott ist mit uns und wir mit Gott, den Sieg wollen wir erlangen.“ Vertont wurde das Lied von Michael Altenburg, dem Kantor der Andreaskirche aus dieser Zeit.

Zur Lutherplatte siehe auch: https://andreasgemeinde.wordpress.com/?page_id=61

17. Dezember – Luthers Eid Mönch zu werden

Quelle: Stadtarchiv Erfurt

Die Stadt Erfurt hatte im Leben Luthers eine ganz besondere Bedeutung. 1501 kam Luther aus Eisenach nach Erfurt zum Studium an der hiesigen Universität. Er soll in der Georgenburse gewohnt haben oder aber im Collegium Porta Coeli bei der Michaeliskirche. Letztere war die größte Studentenburse im damaligen Erfurt. 1505 wurde ihm der Titel Magister Artium verliehen. Im Anschluss begann Luther auf Bitten seines Vaters mit dem Jurastudium. Es waren mehrere Ereignisse in seinem jungen Erwachsenenleben, die ihn offensichtlich in eine Krise stürzten. Der Tod eines engen Freundes hat Luther sehr getroffen. Im Rathaus von Erfurt findet der interessierte Betrachter ein Gemälde, das diese Situation künstlerisch aufgegriffen hat.

Kurze Zeit nach diesem Ereignis war Luther im Sommer auf dem Rückweg von Mansfeld zu Fuß Richtung Erfurt unterwegs, als er von einem Gewitter in der Nähe von Stotternheim überrascht wurde. Im Zusammenhang mit dem Augustinerkloster wurde dieses Ereignis bereits geschildert. In der damaligen Zeit wurden im Fall von Unwettern die Kirchenglocken geläutet, weil der Glaube herrschte, damit den Auslöser, der beim Teufel oder bei Hexen gesehen wurde, von Menschen fernhalten zu können. Das mag seine große Angst in dieser Situation erklären. Er blieb verschont und hielt sein Gelübde ein, in den Augustiner-Bettelorden eintreten zu wollen. Damit widersetzte er sich den Plänen seines Vaters, der aus ihm einen aufstrebenden Juristen machen wollte. Um dessen Eingriff in seine Entscheidung nachträglich zu verhindern, zog er sich zunächst 4 Wochen zurück, unerreichbar für Vater und Weggefährten aus dem Studium. 1507 zelebrierte Luther seine erste heilige Messe, an der sein Vater dennoch teilnahm. Aber der Bruch zwischen Vater und Sohn war nicht repariert. Bei der anschließenden Primizfeier steuerte der Vater 20 Gulden bei, knüpfte jedoch mit einem Satz an den Aberglauben der damaligen Zeit an: „Wohlan, wollte Gott, dass kein Teufel dahinter wäre.“ Zum Priester geweiht wurde Luther von Erzbischof Johann Bohnemilch von Laasphe, der auch 1497 die Gloriosa geweiht hatte.

Quelle: Lyndal Roper: Luther. Der Mensch Martin Luther. Berlin 2016

16. Dezember – Gloriosa

Quelle: Stadtarchiv Erfurt

Gloriosa – „die Ruhmreiche“ Glocke, wurde in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1497 von Gerhard Wou aus Kampen gegossen und ist im Mittelturm des Erfurter Doms bis heute „zu Hause“. Es ist die größte, mittelalterliche, frei schwingende Glocke mit einem Gewicht von 11.450 kg und einem Durchmesser von mehr als 2,50 m. Es ist die sechste Glocke dieses Namens im Erfurter Dom. Die Vorgängergenerationen hatten entweder in ihrer kurzen Lebenszeit Schäden entwickelt oder wurden Opfer der im Mittelalter häufig auftretenden Stadtbrände. So u.a. auch in den Jahren 1416 und 1472. Der damalige Weihbischof Johannes Bohnemilch, der sie schließlich auch weihte, hatte die Glocke bei Gerhard Wou in Auftrag gegeben. Der Guss erfolgte auf dem Domberg zwischen Dom und Severikirche und war eine sehr feierliche Veranstaltung. Das Anheizen des Ofens dauerte 10 Stunden, bis die entsprechende Temperatur erreicht war. Erst dann hatte die Glockenspeise den erforderlichen Flüssigkeitsgrad erreicht, um den Guss zu vollziehen. Dieser Prozess nahm insgesamt 4 Stunden in Anspruch und erfolgte im Beisein der Stiftsherren, die am Ende das Te Deum laudamus sangen. 1499 wurde die Glocke schließlich in das Glockengestell des Mittelturms gehoben. Dazu mussten mehrere Gewölbe durchgebrochen werden. Zum Schutz der Glocke wurden ober- und unterhalb wiederum Gewölbe eingezogen.

Jenseits unseres Zeithorizonts von 742-1678:

1717 war die Gloriosa nach einem Blitzeinschlag in dem Turm denn auch die einzige Glocke, die nicht zu Schaden kam, was den oben genannten baulichen Maßnahmen zu verdanken war…

1984 sprang die Glocke beim Einläuten des Heiligen Abends. Die Ursache für den Sprung geht zeitlich weit zurück in das Jahr 1899, als die Glocke um 90 Grad gedreht worden war. Begründet wurde die Veränderung mit dem Klöppeleinschlag, der nicht immer an derselben Stelle erfolgen sollte. In den 20er Jahren wurde schließlich noch ein größerer Klöppel zum Einsatz gebracht. Der Sprung wurde im selben Jahr von einem erfahrenen Glockengießer geschweißt, allerdings kam es 2004 wieder zu einem Haarriss. Mit einem sehr aufwendigen Verfahren wurde die Glocke aus dem Turm gehoben und über einen Schwertransport in die Nördlinger Glockenschweißerei Lachenmeyer verbracht. Die Reparatur war erfolgreich und bescherte der alten Glocke eine deutlich längere Abklingdauer. Die Befestigung der Glocke im Mittelturm des Erfurter Doms war ein Großereignis, dem sehr viele Erfurter auf dem Domplatz zuschauten. Nun erklingt die Gloriosa an den hohen kirchlichen Festtagen und ist wieder weit über die Grenzen der Stadt hinweg hörbar. Das soll die Platzierung des Gloriosa Türchens in unserem Adventskalender zum Ausdruck bringen.

Quelle: Andreas Gold, Dombaumeister und Franz Peter Schilling: Erfurter Glocken – Die Glocken des Domes, der Severikirche und des Petersklosters zu Erfurt. Berlin 1968.

15. Dezember – Andreas Tor

Quelle:  Hans-Jürgen Amtage | Sammlung Mindener Museum
http://webanalyse.amtage.de/kaufleute-hanse-minden.html

In der Abbildung unseres Kalenders reiten und fahren die Händler aus dem Norden kommend auf das Andreas Tor zu, das 1375 errichtet wurde. Es befand sich zwischen der Glockengasse und der Großen Ackerhofsgasse. Die Namensgebung geht auf die stadteinwärts vorgelagerte Andreaskirche zurück. Dieser Stadtzugang wurde im Zusammenhang mit der Fertigstellung der Zitadelle Petersberg im 17. Jahrhundert abgerissen und 90 m weiter im Norden neu aufgebaut. Auf unserer Karte von 1678 ist der erste Turm noch präsent, der Torbau im Außenring mit Anschluss an die zweite Stadtmauer offensichtlich noch nicht abgeschlossen.

Wer sich aus heutiger Sicht eine Orientierung zur Lage dieses 1880/81 geschliffenen zweiten Tores verschaffen will, der muss es sich vor seinem geistigen Auge an der Ecke von Nordhäuser- und Blumenstraße verstellen. Es hatte einen der längsten Durchgänge, war gleichzeitig mit einem linkskurvigen Wegverlauf ausgestaltet. Von außen war dem Tor eine Bastion mit einer Zugbrücke vorgelagert.

Quelle: Peinhardt, H.: Wehrhaftes Erfurt. Die mittelalterliche Stadtbefestigung. Rudolstadt/Jena 1996

14. Dezember – Brühler Tor

Quelle: Stadtarchiv Erfurt

Das Brühler Tor diente ab 1303 im Wesentlichen als westliche Ausfahrt in die Flandrisch-Holländischen Textilzentren. Das in westlicher Richtung benachbarte Lauentor wurde später verschlossen, so dass die parallele Route der Via Regia durch die Stadt über die Augustinerstraße, Lehmannbrücke, Pergamentergasse, Domplatz und Lautentor nicht mehr günstig war. Damit dürfte sich der Durchgangsverkehr auf der Via Regia durch das dem Brühler Tor gegenüber liegende Krämpfer Tor über Johannes- und Futterstraße, Wenigemarkt, Krämerbrücke, Fischmarkt, Marktstraße, Domplatz und Mainerzhofstraße verstetigt haben.

In der Mainzerhofstraße residierte und verwaltete der Mainzer Erzbischof den kirchlichen Besitz in Erfurt und den umgebenden Küchendörfern. In der Karte finden Sie den Mainzerhof mit einer kleinen Nummer 6 gekennzeichnet. Ebenfalls ersichtlich ist die kleine Kapelle auf der rechten Seite, die 1504 dort errichtet worden ist.  Das Bild unten zeigt rechter Hand den Mainzerhof, geradeaus das alte Lauentor.

Quelle: Stadtarchiv Erfurt

Unmittelbar vor dem Brühler und dem Neuen Tor verzweigt sich die Gera in viele Arme. Ihre Wassermengen resultieren aus den Niederschlägen im Thüringer Wald und hatten im Verlauf der Jahrhunderte beim Zusammentreffen von Schneeschmelze und heftigen Niederschlägen immer wieder erhebliches Hochwasser in der Stadt zur Folge. Schon deutlich vor dem 17. Jahrhundert nutzten die Städte die Festungsgräben zum Hochwasserschutz. So auch Erfurt. Dies galt bereits für den ersten Stadtring, an dessen äußerer Grenze sich der Verlauf der Wilden Gera auf der Karte sehr gut verfolgen lässt. Dieser Wasserring wurde im Zuge des Baus einer Ringstraße, dem Vorläufer des Juri-Gagarin-Rings, ab 1880 zugeschüttet.

Auch der zweite Stadtring wurde bereits 1678 vom Flutgraben umflossen. Die Wassermassen vom Süden kommend wurden im Bereich des Brühler Tors zu einem großen Teil nach außen umgelenkt. Deutlich ersichtlich ist jedoch auch, dass es nur ein Teil der Wassermassen war, der Rest floss nach wie vor in mehreren Armen durch die Stadt. Als Vorsorge vor den immer wiederkehrenden Stadtbränden stellten die sehr schmalen Fließgewässer, z.T. künstlich angelegte Klingen, das notwendige Löschwasser im Fall von Stadtbränden zur Verfügung.

13. Dezember – Löbertor

Quelle: Jürgen Valdeig

Das Wachstum der Stadt Erfurt hatte im 13. und 14. Jh. zur Besiedlung vor dem ersten Mauerring geführt, so dass sich zum Schutz der Vorortler die Notwendigkeit ergab, einen zweiten Mauerring zu bauen, der dann zwischen 1430 und 1480 vollzogen wurde. Das Löbertor, das Sie im Adventskalender unter der Nr. 13 in einem Bild des Erfurter Künstlers Jürgen Valdeig sehen, verfügte im 15. Jh. demgemäß über ein inneres und ein äußeres Tor. Der Abstand zwischen beiden betrug ca. 280 m. Der Name Löber erinnert an die hier ansässige Löberzunft, das waren Rotgerber, die Leder mit Eichenlohe rot färbten. Die Karte von 1678 stellt bereits die damals komplett bebaute Löber-Vorstadt dar. Unmittelbar jenseits des Mauerrings lag der historische Schützenplatz der Stadt Erfurt. Die vorrangigen Handelswaren, die die Stadt durch dieses Tor in Richtung Süden verließen, dürften Hopfen, Getreide, Felle, Papier, Metallwaren, das Blaue Gold und Textilien gewesen sein.

Allein der Torbau im zweiten Mauerring zog sich in der Regel über 50 Jahre hin. Die Zeitschiene war nicht nur eine Frage des Arbeitsaufwands, sondern auch der Materialbeschaffung und des Geldes. Die Finanzierung erfolgte über eine neue Steuer: jeden Gulden kam 1 Pfennig Steuer, wobei ein Gulden 250 Pfennig entsprach.

Das Material für den Bau stammte aus einem in der Nähe von Daberstedt verorteten Steinbruch.

Bei der Darstellung unten handelt es sich um das innere Löbertor.  

Quelle: Luise Gerbing: Handel und Handelsstraßen: Erfurt. https://www.via-regia.org/eng/via_regia/geschichte/einzelthemen/thueringen/erfurt1.php#Anchor-Das-52176

Quelle: Helmut Peinhardt: Wehrhaftes Erfurt. Die mittelalterliche Stadtbefestigung. Rudolstadt und Jena 1996

12. Dezember – Waidmühlen

Quelle: Stadtarchiv Erfurt

Waidmühlen dienten der Verarbeitung von Färberwaid. Diese uralte Kulturpflanze sieht durch ihre gelben Blüten dem Raps sehr ähnlich. Die geernteten Blätter wurden zunächst in der Gera gewaschen, zum Trocknen wurden sie dann auf den Feldern ausgelegt. Nach ihrem Anwelken kamen sie schließlich unters Rad der Waidmühlen, um sie zu Waidmus zu verarbeiten. Dieses ließ sich schließlich zu faustgroßen Waidbällen formen. Auf Horden gelegt schrumpften sie um zwei Drittel ihrer ursprünglichen Größe. Mit diesen Waidballen fuhren die Bauern auf den Erfurter Waidmarkt am Anger, um ihr Produkt an die Waidjunker zu verkaufen. Das war eine sehr privilegierte Bürgerschicht in der damaligen Zeit. Ihre Aufgabe war es, den halb verarbeiteten Rohstoff weiter zu bearbeiten. 

Eine original erhaltende Waidmühle lässt sich auf der Zitadelle Cyriaksburg besichtigen oder aber auch vor dem Hotel Bad Tennstedt.

Quelle: http://www.hotel-bad-tennstedt.de/muehle.html

Quellen:
https://www.waidmuseum.de/index.php/waid/anbau-und-verarbeitung
Daniel Gottfried Schreber: Daniel Gottfried Schrebers historische, physische und ökonomische Beschreibung des Waidtes. Halle 1752

11. Dezember – Universität

Quelle: Stadtarchiv Erfurt

Die Erstgründung vieler europäischer Universitäten ging auf die Kirche bzw. den jeweiligen Papst zurück, der als Instrument eine Stiftungsbulle erließ. Die Gründung der Universität Erfurt erfolgte zu einer Zeit, in der die katholische Kirche gespalten war. Unter ihrem Dach gab es zwei Päpste: einen Papst in Avignon und einen Papst in Rom. Diese Tatsache hatte mit den damaligen Machtverhältnissen zwischen französischen und italienischen Kardinälen zu tun, die für die Wahl des Papstes verantwortlich waren: 18 französische, 4 italienische und 1 spanischer Kardinal waren in dem Wahlgremium vertreten und wählten zunächst einen Römer: Urban VI. Die italienische Bevölkerung hatte sich endlich einen Papst gewünscht, der italienische Interessen verfolgte.

In der Folge hat dieser Papst Urban die Italiener nicht enttäuscht. Unter den 29 von ihm neu ernannten Kardinälen waren nur 3 Franzosen. Die französischen Kardinäle zogen quasi im Nachgang die Wahl dieses Papstes zurück und vollzogen damit eine Glaubensspaltung, ein Schisma. 14 französische Kardinäle verließen Rom und gingen nach Avignon in den historischen Papstpalast gemeinsam mit dem von ihnen implementierten Gegenpapst Clemens II.

Da der damalige römisch-deutsche Kaiser zunächst auf der Seite dieses Gegenpapstes stand, richteten die Erfurter Bürger ihr entsprechendes Gesuch zur Universitätsgründung an den Papst in Avignon. Das war im Jahr 1379, kurze Zeit später reagierte der Papst in Avignon mit der oben bereits erwähnten Stiftungsbulle. Als die politische Obrigkeit die Seite hin zum römischen Papst Urban VI. wechselte, genehmigte dieser  dann 1389 die Gründung der Erfurter Universität. . Drei Jahre später wurde die Erfurter Universität nach Abschluss des Baus 1392 eröffnet. Das erklärt, warum die Erfurter Universität nur mit Einschränkung als erste Universität Europas bezeichnet werden kann. Zwischen der Erteilung des Privilegs und der Eröffnung lagen 14 Jahre. Demgemäß gehört sie nur zu den ältesten Universitäten Europas nach Prag, Heidelberg, Wien und Köln.

Vier Fakultäten bildeten die Basis: Jura, Kunst, Theologie und Medizin. Ihr guter Ruf verbreitete sich sehr schnell und führte für damalige Verhältnisse zu einem Studentenboom. In der Blütezeit waren etwa 1100 Studenten immatrikuliert. Gerne sprachen Wissenschaftler vom Bologna des Nordens.

1501 begann Martin Luther an der Erfurter Universität sein Studium an der Artistenfakultät, das er 1505 mit dem Magister Artium abschloss. In diesem Jahr nahm er auf Wunsch seines Vaters das Jurastudium auf. Im gleichen Jahr trat er jedoch in das Augustinerkloster ein. Er setzte sein Studium im Fachbereich Theologie fort. 1510 lehrte er Theologie für zwei Semester an seiner Ausbildungsuniversität. 1816 wurde die Erfurter Universität im Rahmen der preußischen Universitätsreform geschlossen, 1994 zum Stolz der Erfurter wiedereröffnet

Quellen:
Steffen Raßloff: Die Geschichte der Stadt Erfurt. Erfurt 2019
Hermann H. Saitz: Erfurt zu Fuß. Erfurt 2016

10. Dezember – Augustinerkloster

Quelle: Saitz, Hermann H.: Erfurt zu Fuß. Erfurt 2016

1276 wurde die Klosterkirche der Augustinereremiten errichtet. Im Vergleich zu anderen Kirchenbauten in Erfurt war die eigentliche Bauzeit sehr kurz (bis 1340). So ist der in sich geschlossene, stilistisch einheitliche Baukörper zu erklären. Die hölzerne Tonnendecke symbolisiert die asketische Lebensweise in diesem Bettelorden. Der für Klosterkirchen traditionelle Lettner ist in dieser Kirche nicht mehr vorhanden. Saitz vermutet, dass sich mit dem kleinen Türchen an der Kanzel die Höhe des ehemaligen Lettners erahnen lässt. Besonders bemerkenswert sind die Chorfenster, die auf die Jahrhundertwende 1300 zurückgehen und damit die ältesten erhaltenen mittelalterlichen Kirchenfenster sein dürften.

Das Kloster ist noch vollumfänglich erhalten mit dem Kreuzgang, den Mönchszellen, dem Priorat, dem Gästehaus für die Novizen. Die klostereigenen Waidhäuser und die 1516 fertiggestellte Bibliothek sind dem Weltkrieg zum Opfer gefallen (auf dem Grundriss die beiden Gebäude rechts neben der Nummer 5). Im Keller der alten Bibliothek hatten am 25. Februar des letzten Kriegsjahres 267 Menschen Schutz gesucht. Nur ein Mädchen hat den Einschlag einer Fliegerbombe überlebt. Auf den Grundmauern der beiden zerstörten Einrichtungen wurden Neubauten errichtet: eine Hotelanlage und ein Tagungshaus.

Der Augustinerorden befasste sich mit der wissenschaftlichen Seite der Theologie. Das mag einer der Gründe für Martin Luthers Entscheidung gewesen sein, sich diesem Orden anzuschließen. Hinzu sollen zwei Erlebnisse gekommen sein, die den Entschluss, Mönch zu werden, gefestigt haben: Der Pestausbruch während seines Grundstudiums verursachte eine seelische (Glaubens-)Krise sowie das Gewittererlebnis bei Stotternheim, bei dem er dann den Eid für den Klostereintritt abgelegt haben soll. 

Als Luther das Mönchsgelübde ablegte, musste er sich vor dem Altar in Kreuzform auf den Boden legen. Ironischerweise war unter ihm die Grabplatte von Johannes Zacharie. Dieser hatte auf dem Konzil in Konstanz 1415 dazu beigetragen, dass der tschechische Kirchenkritiker und Reformer Johannes Huss (aus dem Tschechischen für „Gans“) der Ketzerei für schuldig befunden und anschließend auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Huss soll im Angesicht des Todes gesagt haben: „Die Gans muss verbrennen, aber in 100 Jahren wird ihr ein Schwan folgen, den werdet ihr nicht überwinden.“ Sehr häufig wird der Name Luthers deshalb symbolisch mit einem Schwan verbunden.

1511 wechselte Luther zusammen mit seinem Freund Johannes Lang nach Wittenberg. Während Luther in späteren Jahren immer wieder Erfurt besuchte, kam Johannes Lang 1516 als Prior ins Augustinerkloster zurück. Die Erfurter bezeichnen Lang deshalb gerne als ihren Reformator. Der Johannes-Lang-Saal in der Allerheiligenstraße ist ihm gewidmet.

Zwei weitere historisch herausragende Persönlichkeiten sind mit der Augustinerkirche bzw. dem Kloster verbunden. Johann Sebastian Bach nahm 1716 die Sterzing-Schröter-Orgel persönlich ab. Zudem legte Otto von Bismarck einen entscheidenden Grundstein für seine weitere politische Karriere in der , denn 1850 diente das Gotteshaus als Tagungsstätte für das Unionsparlament der Deutschen Nationalversammlung.

Quelle: Stadtarchiv Erfurt

Quellen:
Steffen Raßloff: Die Geschichte der Stadt Erfurt. Erfurt 2019
Lyndal Ropal: Luther. Der Mensch Martin Luther. London 2016
Hermann H. Saitz: Erfurt zu Fuß. Erfurt 2016

9. Dezember – Das Johannestor

Foto: Marion Eich-Born

Mit zunehmendem Handel wuchs die Einwohnerschaft Erfurts erheblich an. Mitte des 13. Jahrhunderts zählte Erfurt zu den mittelalterlichen Großstädten und dürfte um die 20.000 Einwohner beherbergt haben. In ihrer städtischen Bedeutung war sie damals auf gleichem Niveau mit Nürnberg, Lübeck und Köln. Hinsichtlich der Größe des Stadtgebiets übertraf Erfurt mit 127 ha andere deutsche Städte: Hamburg 18 ha, Frankfurt am Main 21 ha, Dortmund 81 ha. Das mag uns aus heutiger Sicht sehr verwundern, lässt sich aber mit dem Kauf des umgebenden Landgebiets durch die Stadt Erfurt erklären. Dort lagen die landwirtschaftlichen Felder, auf denen die im Ort ansässigen Landwirte die drei Ws für das immense ökonomische Wachstum sicherten: Wolle, Weizen, Waid.

Zum Schutz der Einwohner vor den Landgrafen von Thüringen ließ das Erzbistum 1168 eine erste Stadtmauer errichten, die bis 1873 Bestand hatte. Sie umfasste 8 km, war drei bis vier Meter hoch. Ihr Durchmesser dürfte einen Meter betragen haben. Deutlich ersichtlich ist in unserer historischen Karte vor der Mauer der Wehrgraben, die Wilde Gera.  Insgesamt 50 Wachtürme sorgten für die innerstädtische Sicherheit.  Das Johannestor war in den Nordosten ausgerichtet und eines der 8 Tore des ersten Befestigungsrings. Das Tor selbst soll erst 1444 fertiggestellt worden sein.

Quelle: https://www.via-regia.org/eng/via_regia/geschichte/einzelthemen/thueringen/erfurt1.php#Anchor-Das-48445

An diesem Turm war das Johannes-Relief angebracht. Nach Abbruch des Tors wurde die Steintafel mit Johannes dem Täufer in die noch bestehende Restmauer seitlich des alten Tores eingelassen. Wie in vielen anderen Städten auch, war dieses Tor nach der benachbarten Johanneskirche benannt, die ebenfalls im 12. Jh. errichtet worden sein soll. Sie ist auf unserer historischen Karte unterhalb des inneren Johannestors zu sehen. Auf dem heutigen Stadtplan ist nur noch der Turm eingetragen, der eigentliche Kirchenbau wurde 1819 abgerissen. Der Turm übt bis heute die Funktion eines Glockenturms für die Augustinerkirche aus.

Stadtauswärts war das Johannestor in Richtung, Sömmerda, Sangerhausen, Magdeburg und Braunschweig ausgerichtet. Viele Waidanbaugebiete lagen jenseits dieses Tores. Stadteinwärts führt die Johannesstraße Richtung Anger, dem mittelalterlichen Waidhandelsplatz. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Kaufmannsviertel waren vor allen Dingen Gewerbetreibende angesiedelt, in Richtung Stadttor waren es Tagelöhner, eigentlich ein Armeleuteviertel. Deshalb hatte der Rat der Stadt einen sogenannten Bettelkönig ernannt, der von Handwerkern und Kaufleuten ein Almosen erbat, um die eingeworbenen Finanzmittel dann an die städtischen Bettler zu verteilen.

Quellen: 
Helmut Peinhardt: Wehrhaftes Erfurt. Die mittelalterliche Stadtbefestigung. Rudolstadt und Jena 1996
und Landeshauptstadt Erfurt (Hrsg.): Tolle Jahre. Ander Schwelle der Reformation. Erfurt 2017